Monday, 20. December 2010, 02:59Uhr
Nachdem auf der Berlinale 2010 der erste Film des Streetartaltmeisters Banksy zu sehen war, gerieten allgemein viele in Verzückung ob der ungeahnten Einblicke in eine Szene, die sich bisher sehr marktfremd gab. Auf einem feuilletonistischen Du-und-Du-Kurs näherten sich dem Sujet Streetart plötzlich auch all jene, die beschmierte U-Bahnschächte nur noch aus dem Fernsehen kennen und sich schon rühmen, wenn sie die Unterschiede zwischen Stencils, Graffiti und Tags kennen.
Zweifelsohne wird „Exit through the Gift Shop“ auch innerhalb der Streetart-Szene gefeiert. Der Unterschied jedoch zwischen Banksy als kommerziell verwertbarem und somit sämtlicher Subversion beraubtem Künstler und jenem Streetartist, der tatsächlich noch auf der Suche nach einer adäquaten Ausdrucksform ist, um den Diskurs im öffentlichen Raum aus der kunstkritischen Ecke in eine, die allgemeinen Verhältnisse kritisierende Richtung zu verschieben, ist offensichtlich. Die Kunst Banksys hat mit der Zeit Ausmaße erreicht, die in erster Linie Gedanken transportieren über die Organisation der Kunst, die Logistik, Finanzierung und Produktion einer Intervention, deren ursprünglich irritierende Funktion im Sinne eines kurzen Enthebens aus dem Zusammenhang, zugunsten einer höheren Einsicht, dahinter zurücktreten muss. Wenn Banksy beispielsweise eine verbogene Telefonzelle in einer Seitenstraße Londons präsentiert, dann liegt doch der eigentliche Zauber der Verwunderung in der Unerklärlichkeit der logistischen Meisterleistung verborgen. Ein monströser Kraftakt von mehreren Schweißern, Transporteuren und Handlangern war nötig, um dieses verbogene rote Ungetüm zustande zu bringen und das sieht man auch. Und mit der Frage „Wie hat er das gemacht?“ dringt wieder er hervor: Banksy.
Der Mann, der medienwirksam seine Unsichtbarkeit zelebriert, schafft es, immer wieder vor sein Werk zu treten, sich durch es zu inszenieren, sich unentwegt in ihm zu baden. Man sieht nicht die Ratten, man sieht Banksy. Die unglaubliche Beliebtheit dieses Mannes, die mit ebenso unglaublicher Unreflektiertheit seiner jüngsten Bewunderer einhergeht eint das reiche Establishment mit dem Szeneneuling des Untergrunds.
Thierry Guetta ist solch ein Neuling und als manischer Filmer seit Jahren auf der Spur einschlägiger Künstler. Gespeichert auf Unmengen von DV-Bändern archivierte er auf chaotische Weise Streetart, Künstler und Entwicklungen der Szene. Doch dieses Material interessiert ihn nicht: Banksy.
Wie soll sich Banksy auch für Filmbilder interessieren, in denen er nicht zu sehen ist? Durch den naiven Blick eines Streetartenthusiasten, der nur durch Zufall auf den mythischen Mann gestoßen ist, hätte eine sehr selbstlose, vielleicht sogar mit ausreichender Streetcredibility versehene Dokumentation des Mannes entstehen können, der sogar die größten Krisenherde durch seine Signatur zum harmlosen Szenetreff herunterspielt. Anschlagen und zurück. Und so, wie aus der Westbank in nahezu anmaßend liebkosender Weise Westbanksy wird, wird aus dem angestrengten Versuch, einer durchaus ernstzunehmenden künstlerischen Strömung näherzukommen ein gegen sich selbst gewendetes Machwerk der Zurschaustellung von Manipulationen, blindem Aktivismus und Beliebigkeit. Und die große Kunst wiederum besteht darin, sich auch unsichtbar ins Bild drängen zu können.
Als ob jemand tatsächlich glauben könne, Banksy habe Strafen und dergleichen zu erwarten, gäbe es ein Bild von ihm zu sehen, hüllt er sich in Schatten und gibt Interviews für seinen eigenen Film mit verstellter Stimme. Er kriminalisiert sich selbst nachträglich, um seiner ehrgeizigen Arbeit auch zukünftig noch ein entsprechendes Image verleihen zu können und legt so Bilder über Bilder über Bilder, als unbebildertes Vorbild all jener Bildproduzenten, deren Bilder tatsächlich noch über den kunstkritischen Diskurs hinausragen, um deren Bildsprachen so zu nutzen, dass in ihrer Durchdrungenheit nur einer wieder gesehen werden kann: Banksy.
Hier erscheint uns das moderne Bilderverbot in Gestalt einer vermeintlich subversiven Auflehnung eines Einzelnen und ist doch bloß Mittel zum Zweck um im verborgenen die Strukturen der Medien, des Marktes zum größtmöglichen Vorteil ohne jedwede Kritik an selbigen zu nutzen.
Als Thierry Guetta durch seine Dreharbeiten auf Banksy stößt, ist er durch dessen Erscheinung, also seiner physischen, charakterlichen und künstlerischen Wahrhaftigkeit so euphorisiert, daß er, dessen Ratschlag folgend, beginnt, laut und grell seinem Vorbild nachzueifern.
Wie in einem Rausch verwandelt sich Thierry unter der Anleitung Banksys zu Mr. Brainwash, zur Karikatur seiner selbst. Die Idee eines Filmes ist längst ad acta gelegt und eine enorme Bildwelle bricht los. Bezeichnete man Warhol als den Fordisten der Kunst, so könnte man von Mr. Brainwash, angeheuert von Banksy, als Vorarbeiter einer Bildfabrik sprechen, deren Angestellte für einen Billiglohn von der Straße geholt werden. Mannschaften an überzeugten Künstlern produzieren am laufenden Band um unter der Hand Thierrys in Reichweite Banksys zu stehen. Banksys Beliebtheit seit der spektakulären Eröffnung seiner Show führt schlussendlich zur Beliebigkeit des Oevres Mr Brainwashs. Allem und jedem setzt er die Monroelocken auf, Warhol für Arme und Popularitätsrecycling sondergleichen. Es ist für jeden etwas dabei und deshalb mag auch jeder Mr. Brainwash.
Aus einem engagierten Filmer wurde ein Exponat in der Kuriositätensammlung Banksys. Und Banksys Beliebtheit muss sich nun auch an der Beliebigkeit Mr. Brainwashs messen lassen. Sicherlich ist es schon des öfteren Gelungen, dem Kunstmarkt einiges unterzujubeln, und nichts anderes geschieht auch hier im direkten Wortsinn.
Doch kann das auch für den Film funktionieren?
Die Macht des Filmbildes, des dokumentarischen Materials hat Banksy schlichtweg unterschätzt. Wenn Thierry zu Anfang naiv auf seine Objekte, auf die Künstler und Schauplätze hält, leben seine Bilder noch von der Begeisterung für das unmittelbar Geschehende. Er filmt sie so, wie er auch seine Frau, seine Kinder und sein Leben filmt. Einfach darauf los. Thierrys Begeisterung kommt nicht nur aus dem Ereignis vor der Kamera sondern viel mehr noch, es ist die Begeisterung des Durch-die-Kamera-Erlebens. Thierrys Blick ist die Kamera. Die Kamera Thierrys wird als Prothese zur Wahrnehmung von Wirklichkeit. Dieser Prothese bedient er sich aus Liebe zu dem was er aufzeichnet und aus Angst, das Gesehene zu vergessen, unwiederuflich zu verlieren. In dieser, auch biografisch begründeten Nutzung der DV-Bänder als ausgelagertes emotionales Gedächtnis, geht es doch Thierry vielmehr um die eigene Begeisterung beim Filmen, um den Suchtfaktor am Sehen, um das Hinterlassen eines Liebesbeweises an alles Gesehene.
Als er beginnt sich wie im Schlaraffenland seiner eigenen Bildwelt zu bedienen, um an einem lang versprochenen Werk zu arbeiten, sinkt er in einen leidenschaftlichen Bildstrom, gleichdem einer Erinnerung, die immer nur Versatzstück ist, zusammengesetzt aus verschiedenen Stimuli zur optischen, haptischen, akustischen und sogar olfaktorischen Reproduktion. Doch als Banksy plötzlich in Thierrys Leben tritt, wandelt sich sein Wesen. Das Gesehene gerät vor dem bisher Ungesehenen in den Hintergrund. Thierry will nun den Unsichtbaren sehen.
Banksy droht an diesem Punkt nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch die tatsächliche Löschung. Was wäre Banksy ohne seinen Mythos? Nicht nur wäre Banksy dann ein Streetartist mit Gesicht und somit einer unter Tausenden, er wäre auch durch die sofortige Verbannung in Thierrys Trailer-Universum Opfer dieser Beliebigkeit, Opfer seiner eigenen Beliebtheit geworden. Aufgenommen, Bild geworden und als solches verschwunden in einem Privatarchiv. Diese Löschung ist eben auch jene Angst, die das Bilderverbot aussprechen ließ, als einer unter vielen ungesehen zu sein ist eben nicht das gleiche wie apotheotisch als einer über vielen unsichtbar zu sein.
Dieser Nichtung wirkt Banksy mit jenen Mitteln entgegen, die er am besten zu meiden weiß. Die Mittel der Sichtbarmachung: Verführung, Verdeutlichung, Beleuchtung, Vergrößerung. Er verführt Thierry als seinesgleichen sich den Mitteln der Streetart zu bedienen. Er macht ihm deutlich, daß sein Versuch zu dokumentieren nur dem Wunsch entspräche selbst tätig zu werden, er wirft Licht in das Dunkel, das ein Kameraauge braucht und blendet Thierrys Sicht. Im Angesicht der Größe seines Vorbildes verspürt Thierry Guetta den Drang wachsen zu müssen, sich zu messen und im Vergleich zu Banksy wird sich Thierry nun seiner eigenen Sichtbarkeit gewahr. Er will sich sehen, durch die Augen einer Kamera natürlich. Zuerst vergrößert er sich, seine Kamera und beklebt alles mit seinem überdimensionalen Konterfei. Danach vergrößert er Pinsel und Farbeimer, Sprühdosen und Matchbox, er überhöht alles und jeden und versinkt wiederum in einem Rausch des Größenwahns, um dem einen zu gefallen, der ihn schuf. Und so läßt sich Thierry aufblasen zu einem MBW-Luftballon, an dem hängend uns der eine einmal mehr davonfliegt: Banksy.
Doch eben jene Naivität in Thierrys Bildsprache lassen nur allzudeutlich wahrnehmen, wie auch Banksy sie las, verstand und zu nutzen wußte. Und so wird aus dem Film ein guter Film, aber vielleicht nicht in einem Sinne, den Banksy beabsichtigt hat. Vielmehr ist es ein Film über einen Filmemacher der seine Liebe zum Film verlor und somit ein trauriger Film. Das Kino wird eben doch immer geeigneter sein für Emotion und Empathie als es ein kurzgeschlossenes Zeichensystem eines auf Flüchtigkeit und Schnelligkeit angelegten Kunstgenres je werden kann. Betrachtet man das alles als einTagging am Dokumentarfilmkino, dann ist Banksys Film vermutlich seine erstes Werk, das er auf einem abweisenden Untergrund aufgetragen hat.
Zweifelsohne wird „Exit through the Gift Shop“ auch innerhalb der Streetart-Szene gefeiert. Der Unterschied jedoch zwischen Banksy als kommerziell verwertbarem und somit sämtlicher Subversion beraubtem Künstler und jenem Streetartist, der tatsächlich noch auf der Suche nach einer adäquaten Ausdrucksform ist, um den Diskurs im öffentlichen Raum aus der kunstkritischen Ecke in eine, die allgemeinen Verhältnisse kritisierende Richtung zu verschieben, ist offensichtlich. Die Kunst Banksys hat mit der Zeit Ausmaße erreicht, die in erster Linie Gedanken transportieren über die Organisation der Kunst, die Logistik, Finanzierung und Produktion einer Intervention, deren ursprünglich irritierende Funktion im Sinne eines kurzen Enthebens aus dem Zusammenhang, zugunsten einer höheren Einsicht, dahinter zurücktreten muss. Wenn Banksy beispielsweise eine verbogene Telefonzelle in einer Seitenstraße Londons präsentiert, dann liegt doch der eigentliche Zauber der Verwunderung in der Unerklärlichkeit der logistischen Meisterleistung verborgen. Ein monströser Kraftakt von mehreren Schweißern, Transporteuren und Handlangern war nötig, um dieses verbogene rote Ungetüm zustande zu bringen und das sieht man auch. Und mit der Frage „Wie hat er das gemacht?“ dringt wieder er hervor: Banksy.
Der Mann, der medienwirksam seine Unsichtbarkeit zelebriert, schafft es, immer wieder vor sein Werk zu treten, sich durch es zu inszenieren, sich unentwegt in ihm zu baden. Man sieht nicht die Ratten, man sieht Banksy. Die unglaubliche Beliebtheit dieses Mannes, die mit ebenso unglaublicher Unreflektiertheit seiner jüngsten Bewunderer einhergeht eint das reiche Establishment mit dem Szeneneuling des Untergrunds.
Thierry Guetta ist solch ein Neuling und als manischer Filmer seit Jahren auf der Spur einschlägiger Künstler. Gespeichert auf Unmengen von DV-Bändern archivierte er auf chaotische Weise Streetart, Künstler und Entwicklungen der Szene. Doch dieses Material interessiert ihn nicht: Banksy.
Wie soll sich Banksy auch für Filmbilder interessieren, in denen er nicht zu sehen ist? Durch den naiven Blick eines Streetartenthusiasten, der nur durch Zufall auf den mythischen Mann gestoßen ist, hätte eine sehr selbstlose, vielleicht sogar mit ausreichender Streetcredibility versehene Dokumentation des Mannes entstehen können, der sogar die größten Krisenherde durch seine Signatur zum harmlosen Szenetreff herunterspielt. Anschlagen und zurück. Und so, wie aus der Westbank in nahezu anmaßend liebkosender Weise Westbanksy wird, wird aus dem angestrengten Versuch, einer durchaus ernstzunehmenden künstlerischen Strömung näherzukommen ein gegen sich selbst gewendetes Machwerk der Zurschaustellung von Manipulationen, blindem Aktivismus und Beliebigkeit. Und die große Kunst wiederum besteht darin, sich auch unsichtbar ins Bild drängen zu können.
Als ob jemand tatsächlich glauben könne, Banksy habe Strafen und dergleichen zu erwarten, gäbe es ein Bild von ihm zu sehen, hüllt er sich in Schatten und gibt Interviews für seinen eigenen Film mit verstellter Stimme. Er kriminalisiert sich selbst nachträglich, um seiner ehrgeizigen Arbeit auch zukünftig noch ein entsprechendes Image verleihen zu können und legt so Bilder über Bilder über Bilder, als unbebildertes Vorbild all jener Bildproduzenten, deren Bilder tatsächlich noch über den kunstkritischen Diskurs hinausragen, um deren Bildsprachen so zu nutzen, dass in ihrer Durchdrungenheit nur einer wieder gesehen werden kann: Banksy.
Hier erscheint uns das moderne Bilderverbot in Gestalt einer vermeintlich subversiven Auflehnung eines Einzelnen und ist doch bloß Mittel zum Zweck um im verborgenen die Strukturen der Medien, des Marktes zum größtmöglichen Vorteil ohne jedwede Kritik an selbigen zu nutzen.
Als Thierry Guetta durch seine Dreharbeiten auf Banksy stößt, ist er durch dessen Erscheinung, also seiner physischen, charakterlichen und künstlerischen Wahrhaftigkeit so euphorisiert, daß er, dessen Ratschlag folgend, beginnt, laut und grell seinem Vorbild nachzueifern.
Wie in einem Rausch verwandelt sich Thierry unter der Anleitung Banksys zu Mr. Brainwash, zur Karikatur seiner selbst. Die Idee eines Filmes ist längst ad acta gelegt und eine enorme Bildwelle bricht los. Bezeichnete man Warhol als den Fordisten der Kunst, so könnte man von Mr. Brainwash, angeheuert von Banksy, als Vorarbeiter einer Bildfabrik sprechen, deren Angestellte für einen Billiglohn von der Straße geholt werden. Mannschaften an überzeugten Künstlern produzieren am laufenden Band um unter der Hand Thierrys in Reichweite Banksys zu stehen. Banksys Beliebtheit seit der spektakulären Eröffnung seiner Show führt schlussendlich zur Beliebigkeit des Oevres Mr Brainwashs. Allem und jedem setzt er die Monroelocken auf, Warhol für Arme und Popularitätsrecycling sondergleichen. Es ist für jeden etwas dabei und deshalb mag auch jeder Mr. Brainwash.
Aus einem engagierten Filmer wurde ein Exponat in der Kuriositätensammlung Banksys. Und Banksys Beliebtheit muss sich nun auch an der Beliebigkeit Mr. Brainwashs messen lassen. Sicherlich ist es schon des öfteren Gelungen, dem Kunstmarkt einiges unterzujubeln, und nichts anderes geschieht auch hier im direkten Wortsinn.
Doch kann das auch für den Film funktionieren?
Die Macht des Filmbildes, des dokumentarischen Materials hat Banksy schlichtweg unterschätzt. Wenn Thierry zu Anfang naiv auf seine Objekte, auf die Künstler und Schauplätze hält, leben seine Bilder noch von der Begeisterung für das unmittelbar Geschehende. Er filmt sie so, wie er auch seine Frau, seine Kinder und sein Leben filmt. Einfach darauf los. Thierrys Begeisterung kommt nicht nur aus dem Ereignis vor der Kamera sondern viel mehr noch, es ist die Begeisterung des Durch-die-Kamera-Erlebens. Thierrys Blick ist die Kamera. Die Kamera Thierrys wird als Prothese zur Wahrnehmung von Wirklichkeit. Dieser Prothese bedient er sich aus Liebe zu dem was er aufzeichnet und aus Angst, das Gesehene zu vergessen, unwiederuflich zu verlieren. In dieser, auch biografisch begründeten Nutzung der DV-Bänder als ausgelagertes emotionales Gedächtnis, geht es doch Thierry vielmehr um die eigene Begeisterung beim Filmen, um den Suchtfaktor am Sehen, um das Hinterlassen eines Liebesbeweises an alles Gesehene.
Als er beginnt sich wie im Schlaraffenland seiner eigenen Bildwelt zu bedienen, um an einem lang versprochenen Werk zu arbeiten, sinkt er in einen leidenschaftlichen Bildstrom, gleichdem einer Erinnerung, die immer nur Versatzstück ist, zusammengesetzt aus verschiedenen Stimuli zur optischen, haptischen, akustischen und sogar olfaktorischen Reproduktion. Doch als Banksy plötzlich in Thierrys Leben tritt, wandelt sich sein Wesen. Das Gesehene gerät vor dem bisher Ungesehenen in den Hintergrund. Thierry will nun den Unsichtbaren sehen.
Banksy droht an diesem Punkt nicht nur die Sichtbarkeit, sondern auch die tatsächliche Löschung. Was wäre Banksy ohne seinen Mythos? Nicht nur wäre Banksy dann ein Streetartist mit Gesicht und somit einer unter Tausenden, er wäre auch durch die sofortige Verbannung in Thierrys Trailer-Universum Opfer dieser Beliebigkeit, Opfer seiner eigenen Beliebtheit geworden. Aufgenommen, Bild geworden und als solches verschwunden in einem Privatarchiv. Diese Löschung ist eben auch jene Angst, die das Bilderverbot aussprechen ließ, als einer unter vielen ungesehen zu sein ist eben nicht das gleiche wie apotheotisch als einer über vielen unsichtbar zu sein.
Dieser Nichtung wirkt Banksy mit jenen Mitteln entgegen, die er am besten zu meiden weiß. Die Mittel der Sichtbarmachung: Verführung, Verdeutlichung, Beleuchtung, Vergrößerung. Er verführt Thierry als seinesgleichen sich den Mitteln der Streetart zu bedienen. Er macht ihm deutlich, daß sein Versuch zu dokumentieren nur dem Wunsch entspräche selbst tätig zu werden, er wirft Licht in das Dunkel, das ein Kameraauge braucht und blendet Thierrys Sicht. Im Angesicht der Größe seines Vorbildes verspürt Thierry Guetta den Drang wachsen zu müssen, sich zu messen und im Vergleich zu Banksy wird sich Thierry nun seiner eigenen Sichtbarkeit gewahr. Er will sich sehen, durch die Augen einer Kamera natürlich. Zuerst vergrößert er sich, seine Kamera und beklebt alles mit seinem überdimensionalen Konterfei. Danach vergrößert er Pinsel und Farbeimer, Sprühdosen und Matchbox, er überhöht alles und jeden und versinkt wiederum in einem Rausch des Größenwahns, um dem einen zu gefallen, der ihn schuf. Und so läßt sich Thierry aufblasen zu einem MBW-Luftballon, an dem hängend uns der eine einmal mehr davonfliegt: Banksy.
Doch eben jene Naivität in Thierrys Bildsprache lassen nur allzudeutlich wahrnehmen, wie auch Banksy sie las, verstand und zu nutzen wußte. Und so wird aus dem Film ein guter Film, aber vielleicht nicht in einem Sinne, den Banksy beabsichtigt hat. Vielmehr ist es ein Film über einen Filmemacher der seine Liebe zum Film verlor und somit ein trauriger Film. Das Kino wird eben doch immer geeigneter sein für Emotion und Empathie als es ein kurzgeschlossenes Zeichensystem eines auf Flüchtigkeit und Schnelligkeit angelegten Kunstgenres je werden kann. Betrachtet man das alles als einTagging am Dokumentarfilmkino, dann ist Banksys Film vermutlich seine erstes Werk, das er auf einem abweisenden Untergrund aufgetragen hat.






Ein überdimensionales Auge schaut in eine Kamera. Über die Iris laufen Namen. Namen von Männern größtenteils, die sogleich unter den Lidern verschwinden. Schon im Vorspann wird man Betrachter eines Vorspiels von Einschreibungen, wird man Zeuge der Männergewalt des Filmes, des Apparates, der sich um eine zierliche Catherine Deneuve aufbaut. Gerade liest man noch den Namen ihrer Maskenbildnerin, die ihr verstärkend zur Seite gestellt wurde, als die Kamera ablässt vom Objekt ihrer (seiner) Begierde und es als Makeup-Girl einer Beautyfarm entblößt. 


Unter den Kunstgriffen eines Mannes, eines Regisseurs ist die Nichtexistenz der Frau eben auch die Nichtexistenz der Frau im Film. Die Wahl ihrer Zeichen fällt immer auf seine Zeichen. Sie spricht ihn und sie handelt ihn. La femme n'existe pas. Die Frau ist und bleibt Lichtgestalt, immer mehr Bildträger, als Bild selbst. Sie ist eben Negativ, Nichtmann, Transparenz, Weiß, erkennbar im Bild nur da, wo Material nicht ist. Ein leerer Blick, der ins Leere schaut.

