Monday, 4. September 2006, 15:19Uhr
Wir wissen nicht alles. Wir werden nicht alles wissen. Schon der Vorspann, der sonst über das Anfangsbild gelegt wird, um nichts ungenutzt zu lassen, trennt die eine Einstellung in mehrere Fragmente. Tiefes Schwarz, das umso schwärzer wirkt mit den weißen Namen der Darsteller, zwischen einer sonnigen Szene in einem Stadtpark, von der wir schließlich nur Fetzen mitbekommen. Die uns aber sofort in den Film saugen.
Wir wissen auch am Ende nicht, ob Farid ein Schläfer ist. Wir wissen nicht, ob seine Wohnung eine dieser Zellen ist. Johannes, sein neuer Kollege im Labor, der mit dem Jesusgesicht, weiß auch nichts. Und die Leute vom Verfassungsschutz, der Staat, weiß viel, aber auch nicht genug. Am Ende verweigert Johannes Farid das Alibi. Das wissen wir dann. Welche Folgen das hat, wissen wir nicht.
Wissen und Unwissen sind grundsätzliche erzählerische Prinzipen von Film. In allen Filmen werden Details absichtlich verschwiegen oder der Erzählökonomie nach einfach weggelassen. Wer weiß schon, was Supermann tut, wenn die Kamera nicht dabei ist? Letztlich, und das ist nicht überraschend aber doch irritierend, ist es im wirklichen Leben nicht anders. Was weiß ich von dir außer diesen zwei oder drei Dingen? Im Grunde nichts. Wir leben mit dem Unwissen über die anderen, über die Zusammenhänge der Welt. Zusammen hängen. Die Dinge hängen an dünnen Fäden zusammen. Darauf bauen wir Entscheidungen. Auf ein dünnes Geflecht aus Fakten.
Aber nicht die Fakten, die Emotionen sind es, die diese dünnen Fäden in Schwingungen versetzten und uns letztlich Entscheidungen treffen lassen. Emotionen lassen Dinge so oder eben so zusammenhängen. Die Zusammenhänge sind so variabel wie die Emotionen. Gefühle beeinflussbar. Schließlich sind auch die Dinge selbst beeinflussbar und variabel, Fakten keine Fakten mehr. Was wissen wir? Was fühlen wir? Wenn Johannes der Wissenschaftler, der in Mäusen nach haltbaren Beweisen für Bausteine in Theorien sucht, am Ende seinen Freund Farid aus Neid oder purer Lähmung das vorhandene Alibi für einen Anschlag verweigert, dann beeinflusst er die Dinge, die gewesenen und die noch werdenden. Wir suchen nach Beweisen, fangen an zu sezieren. Bild für Bild das uns dieser Film gibt. Mit jedem Bild das uns dieser Film zeigt, mit jedem das er uns nicht zeigt, mit dem bisschen Wissen das entsteht, versuchen wir herauszufinden, ob Farid einer der Bösen ist. Wenn Johannes am Computer sitzt und Autorennen fährt und diese virtuelle Realität später auf einer Gokart-Bahn in seine reale Lebenswelt trägt und dort auslebt, so wissen wir nicht, ob Farid seine Battlefield-Egoshooter-Zockerwelt ebenso eins zu eins in eine Realität übersetzt. Es wird uns nicht gezeigt. Aber unser Kopf montiert die Dinge neu zusammen, spinnt Fäden, schafft eigene Fakten.
Von Sympathien für diesen, dann für jenen geschüttelt wie es bei einer Ménage à trois nur richtig ist, sind wir mittendrin im Entscheidungsdilemma. Und wir sind nur Zuschauer. Sind wir das? Bin ich das? Johannes, dieser Junge, der einfach nur ein guter Junge sein will, der alles richtig machen und niemandem Unrecht tun will, tut es am Ende doch. Und dieser Junge bin am Ende auch ich. Und dieser Junge erliegt einem Verdacht. Und dieser Verdacht kommt von außen. Und dieser Verdacht steckt schon im fragmentarischen Vorspann. Im Titel. In den Lücken dazwischen. Die Falle schnappt zu. Und man wird den Verdacht nicht mehr los.
SCHLÄFER
Deutschland /Österreich 2005, 133min, Farbe
B/R: Benjamin Heisenberg
K: Reinhold Vorschneider
Übrigens: der Film läuft am 20. Oktober '06 auf ARTE.
Wir wissen auch am Ende nicht, ob Farid ein Schläfer ist. Wir wissen nicht, ob seine Wohnung eine dieser Zellen ist. Johannes, sein neuer Kollege im Labor, der mit dem Jesusgesicht, weiß auch nichts. Und die Leute vom Verfassungsschutz, der Staat, weiß viel, aber auch nicht genug. Am Ende verweigert Johannes Farid das Alibi. Das wissen wir dann. Welche Folgen das hat, wissen wir nicht.
Wissen und Unwissen sind grundsätzliche erzählerische Prinzipen von Film. In allen Filmen werden Details absichtlich verschwiegen oder der Erzählökonomie nach einfach weggelassen. Wer weiß schon, was Supermann tut, wenn die Kamera nicht dabei ist? Letztlich, und das ist nicht überraschend aber doch irritierend, ist es im wirklichen Leben nicht anders. Was weiß ich von dir außer diesen zwei oder drei Dingen? Im Grunde nichts. Wir leben mit dem Unwissen über die anderen, über die Zusammenhänge der Welt. Zusammen hängen. Die Dinge hängen an dünnen Fäden zusammen. Darauf bauen wir Entscheidungen. Auf ein dünnes Geflecht aus Fakten.
Aber nicht die Fakten, die Emotionen sind es, die diese dünnen Fäden in Schwingungen versetzten und uns letztlich Entscheidungen treffen lassen. Emotionen lassen Dinge so oder eben so zusammenhängen. Die Zusammenhänge sind so variabel wie die Emotionen. Gefühle beeinflussbar. Schließlich sind auch die Dinge selbst beeinflussbar und variabel, Fakten keine Fakten mehr. Was wissen wir? Was fühlen wir? Wenn Johannes der Wissenschaftler, der in Mäusen nach haltbaren Beweisen für Bausteine in Theorien sucht, am Ende seinen Freund Farid aus Neid oder purer Lähmung das vorhandene Alibi für einen Anschlag verweigert, dann beeinflusst er die Dinge, die gewesenen und die noch werdenden. Wir suchen nach Beweisen, fangen an zu sezieren. Bild für Bild das uns dieser Film gibt. Mit jedem Bild das uns dieser Film zeigt, mit jedem das er uns nicht zeigt, mit dem bisschen Wissen das entsteht, versuchen wir herauszufinden, ob Farid einer der Bösen ist. Wenn Johannes am Computer sitzt und Autorennen fährt und diese virtuelle Realität später auf einer Gokart-Bahn in seine reale Lebenswelt trägt und dort auslebt, so wissen wir nicht, ob Farid seine Battlefield-Egoshooter-Zockerwelt ebenso eins zu eins in eine Realität übersetzt. Es wird uns nicht gezeigt. Aber unser Kopf montiert die Dinge neu zusammen, spinnt Fäden, schafft eigene Fakten.
Von Sympathien für diesen, dann für jenen geschüttelt wie es bei einer Ménage à trois nur richtig ist, sind wir mittendrin im Entscheidungsdilemma. Und wir sind nur Zuschauer. Sind wir das? Bin ich das? Johannes, dieser Junge, der einfach nur ein guter Junge sein will, der alles richtig machen und niemandem Unrecht tun will, tut es am Ende doch. Und dieser Junge bin am Ende auch ich. Und dieser Junge erliegt einem Verdacht. Und dieser Verdacht kommt von außen. Und dieser Verdacht steckt schon im fragmentarischen Vorspann. Im Titel. In den Lücken dazwischen. Die Falle schnappt zu. Und man wird den Verdacht nicht mehr los.
SCHLÄFER
Deutschland /Österreich 2005, 133min, Farbe
B/R: Benjamin Heisenberg
K: Reinhold Vorschneider
Übrigens: der Film läuft am 20. Oktober '06 auf ARTE.
