Regisseur A. verfilmt die Lebens- und Liebesgeschichte seiner Eltern Spyros und Eleni, die sich über 50 Jahre, zwei Kontinente und mehrere ungewollte Trennungen erstreckt. Für gesteigerte Dramatik sorgt noch Jakob, der mindestens ebenso lange in Eleni verliebt ist und A.s Tochter, die sich vernachlässigt fühlt und umbringen will.
So schnell die Handlung von The Dust Of Time erzählt ist und so unspektakulär sie auch klingen mag, umso interessanter ist die Umsetzung von Theo Angelopoulos. Denn das Hauptaugenmerk sollte nicht auf der Story liegen, sondern auf der Art und Weise, wie der Film sie erzählt. Denn in erster Linie ist The Dust OF Time kein Gesellschaftsdrama oder Liebesfilm, sondern: ein Film über Filme, ein Film über Identität und deren Verdopplung.
Denn ein Film ist ja an sich bereits eine Verdopplung: der Film, den wir sehen, ist ein Abbild der gespielten Szene vor der Kamera; die Schauspieler haben ihre eigene Identität und die der Figur, die sie spielen. Mit dieser zweifachen Identität und der daraus entstehenden Verwirrung arbeitet Angelopoulos mehrfach. Verschiedene Dialoge des Films beginnen mit „Ich bin...“, „Du bist...“, „Wir sind...“ oder „Wir waren...“. Auffällig daran ist, dass diese Satzfragmente immer zweimal ausgesprochen werden und auch nur sehr selten beendet werden. Wer oder was die Figuren sind, wissen sie selbst nicht. Sie scheinen in zwei Welten zu stecken. Hinzu kommt, dass sowohl Jakob, A. (womit hier ein weiteres Problem der Identität wäre, nämlich die Namenlosigkeit) und am häufigsten Spyros nur von hinten zu sehen sind. In langen Einstellungen und auch in Dialogszenen sehen wir nur ihre Schultern und den Hinterkopf. Wenn die Herren dann noch Hüte tragen und aus der vorher gehenden Einstellung nicht eindeutig auszumachen ist, um wen der drei es sich handelt, ist die Verwirrung komplett. Hier ist nicht die Verdopplung der Identität das Problem, sondern ihr Verlust. Außerdem heißt A.s Tochter – ebenso wie seine Gromutter – Eleni. Noch eine Verdopplung also.
Diese Verdopplung wird durch den Film im Film noch komplizierter. Denn zu Beginn ist nicht klar, wie die Szenen aus der Sowjetunion '55 mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Wir wissen, dass dort eine Frau Eleni (A.s Mutter) heißt, gleichzeitig aber A. während der Dreharbeiten zu seinem Film immer wieder versucht, mit Eleni (seiner Tochter) zu telefonieren. Nach und nach wird die Personenkonstellation jedoch klarer und auch die Verknüpfung der beiden Handlungsstränge und Zeitebenen. Diese verschränkt Angelopolous immer wieder kunstvoll mit einander. Liegen zu Beginn von The Dust Of Time noch fast 50 Jahre zwischen den beiden Zeitebenen, nähern sie sich zum Ende immer mehr einander an und werden schließlich eins. Unauffällig werden beide Stränge zusammengeführt und wir können uns nicht mehr sicher sein: sehen wir nun Angelopoulos' Film über das Leben von A. oder sehen wir A.s Film über das Leben seiner Eltern, der im Jetzt angekommen ist und in dem er und seine Tochter mitspielen. Verdopplung einer Verdopplung.
Die großartigste Zeitverschachtelung gelingt Angelopoulos jedoch vorher. Wir sehen A. und Jakob vor eine Bar in Toronto fahren, zeitlich Mitte der 70er angesiedelt. „Hier arbeitet sie“ ist alles, was A. Jakob sagen kann. Jakob geht zur Tür, öffnet sie – Schnitt. Jakob, Spyros und Eleni betreten eine Berliner Bar im Jahr 1999 und bestellen an der Bar auf Deutsch. Jakob geht durch den Raum, setzt sich an einen Tisch – Schnitt, völlig unmerklich. Die Kellnerin der kanadischen Bar kommt zu Jakob an den Tisch, spricht ihn auf Englisch an. Dieser steht wieder auf, geht zum Klavier, spielt den Hochzeitsmarsch. Jakob fragt Spyros, ob er Eleni heiraten werde. Wir sehen Jakob von hinten und hören eine männliche Stimme „ja“ antworten. Jakob stellt Eleni die gleiche Frage, plötzlich hören wir Kampfgeräusche aus der Küche. Wir folgen Jakob auf seinem Weg durch die Bar, die ganze Zeit sind die Geräusche zu hören, ohne das wir die Quelle sehen können. Jakob geht zur Tür, öffnet sie, tritt hinaus – Schnitt. Eleni im mittleren Alter kommt von rechts in der Bar ins Bild gelaufen und ruft Spyros etwas hinterher – Schnitt. Die Berliner Bar von außen, die Tür öffnet sich, Jakob, Eleni und Spyros treten nach draußen. Die Schnitte sind hier so subtil und unmerklich gesetzt, dass allein diese Szene den Film zu einem Erlebnis macht.
Während dieser Verdopplungen werden wir auch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass wir einen Film sehen, der das Leben von A. zeigt, der wiederum das Leben seiner Eltern in einem Film zeigen will. Das beste Beispiel dafür ist die Szene, in der A. nach Hause kommt. In einer vorigen Szene wurde die Wohnung und das Zimmer seiner Tochter Eleni bereits als solche eingeführt. Nun tritt er jedoch durch seine Wohnungstür, die frei im Raum steht, Elenis Zimmer sind nur zwei Wände, im Hintergrund stehen Scheinwerfer und liegen Kabel – wir befinden uns in der Kulisse des Films, den wir eigentlich als Abbild der Realität erleben sollen, werden jedoch mit aller Deutlichkeit auf seine Gemachtheit hingewiesen.
An anderer Stelle besucht Jakob Eleni und Spyros in einem Hotel in Berlin, welches ihn an ein anderes Hotel in New York 1974 erinnert. Dort traf er sich mit Eleni, dort verließ sie ihn für Spyros. Während Eleni und Jakob zu Beginn der Szene noch über das Ereignis '74 reden, gleiten sie – vom Zuschauer unbemerkt – in einen Dialog ab, den sie bereits in New York gesprochen haben. Dies fällt erst auf, als Jakob Eleni bittet, nicht zu Spyros zu gehen, der sich zu diesem Zeitpunkt jedoch im selben Zimmer aufhält, Eleni schließlich jedoch das Zimmer verlässt. Und auch hier wieder: Verdopplung, sogar zweifach (oder gar noch mehr?). Eine gespielte Szene im Leben der Figuren, welches verfilmt wird, die sich bereits einmal so zugetragen hat in diesem Leben, welches aber selbst nur ein Film ist.
So ist The Dust Of Time bloß auf den ersten Blick ein Film über Liebe, den langen Weg zurück zu den eigenen Wurzeln oder Gesellschaftsstudie. Bei genauerer Betrachtung ist er aber eigentlich nur eins: ein Film. Ein Film über Filme.
So schnell die Handlung von The Dust Of Time erzählt ist und so unspektakulär sie auch klingen mag, umso interessanter ist die Umsetzung von Theo Angelopoulos. Denn das Hauptaugenmerk sollte nicht auf der Story liegen, sondern auf der Art und Weise, wie der Film sie erzählt. Denn in erster Linie ist The Dust OF Time kein Gesellschaftsdrama oder Liebesfilm, sondern: ein Film über Filme, ein Film über Identität und deren Verdopplung.
Denn ein Film ist ja an sich bereits eine Verdopplung: der Film, den wir sehen, ist ein Abbild der gespielten Szene vor der Kamera; die Schauspieler haben ihre eigene Identität und die der Figur, die sie spielen. Mit dieser zweifachen Identität und der daraus entstehenden Verwirrung arbeitet Angelopoulos mehrfach. Verschiedene Dialoge des Films beginnen mit „Ich bin...“, „Du bist...“, „Wir sind...“ oder „Wir waren...“. Auffällig daran ist, dass diese Satzfragmente immer zweimal ausgesprochen werden und auch nur sehr selten beendet werden. Wer oder was die Figuren sind, wissen sie selbst nicht. Sie scheinen in zwei Welten zu stecken. Hinzu kommt, dass sowohl Jakob, A. (womit hier ein weiteres Problem der Identität wäre, nämlich die Namenlosigkeit) und am häufigsten Spyros nur von hinten zu sehen sind. In langen Einstellungen und auch in Dialogszenen sehen wir nur ihre Schultern und den Hinterkopf. Wenn die Herren dann noch Hüte tragen und aus der vorher gehenden Einstellung nicht eindeutig auszumachen ist, um wen der drei es sich handelt, ist die Verwirrung komplett. Hier ist nicht die Verdopplung der Identität das Problem, sondern ihr Verlust. Außerdem heißt A.s Tochter – ebenso wie seine Gromutter – Eleni. Noch eine Verdopplung also.
Diese Verdopplung wird durch den Film im Film noch komplizierter. Denn zu Beginn ist nicht klar, wie die Szenen aus der Sowjetunion '55 mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Wir wissen, dass dort eine Frau Eleni (A.s Mutter) heißt, gleichzeitig aber A. während der Dreharbeiten zu seinem Film immer wieder versucht, mit Eleni (seiner Tochter) zu telefonieren. Nach und nach wird die Personenkonstellation jedoch klarer und auch die Verknüpfung der beiden Handlungsstränge und Zeitebenen. Diese verschränkt Angelopolous immer wieder kunstvoll mit einander. Liegen zu Beginn von The Dust Of Time noch fast 50 Jahre zwischen den beiden Zeitebenen, nähern sie sich zum Ende immer mehr einander an und werden schließlich eins. Unauffällig werden beide Stränge zusammengeführt und wir können uns nicht mehr sicher sein: sehen wir nun Angelopoulos' Film über das Leben von A. oder sehen wir A.s Film über das Leben seiner Eltern, der im Jetzt angekommen ist und in dem er und seine Tochter mitspielen. Verdopplung einer Verdopplung.
Die großartigste Zeitverschachtelung gelingt Angelopoulos jedoch vorher. Wir sehen A. und Jakob vor eine Bar in Toronto fahren, zeitlich Mitte der 70er angesiedelt. „Hier arbeitet sie“ ist alles, was A. Jakob sagen kann. Jakob geht zur Tür, öffnet sie – Schnitt. Jakob, Spyros und Eleni betreten eine Berliner Bar im Jahr 1999 und bestellen an der Bar auf Deutsch. Jakob geht durch den Raum, setzt sich an einen Tisch – Schnitt, völlig unmerklich. Die Kellnerin der kanadischen Bar kommt zu Jakob an den Tisch, spricht ihn auf Englisch an. Dieser steht wieder auf, geht zum Klavier, spielt den Hochzeitsmarsch. Jakob fragt Spyros, ob er Eleni heiraten werde. Wir sehen Jakob von hinten und hören eine männliche Stimme „ja“ antworten. Jakob stellt Eleni die gleiche Frage, plötzlich hören wir Kampfgeräusche aus der Küche. Wir folgen Jakob auf seinem Weg durch die Bar, die ganze Zeit sind die Geräusche zu hören, ohne das wir die Quelle sehen können. Jakob geht zur Tür, öffnet sie, tritt hinaus – Schnitt. Eleni im mittleren Alter kommt von rechts in der Bar ins Bild gelaufen und ruft Spyros etwas hinterher – Schnitt. Die Berliner Bar von außen, die Tür öffnet sich, Jakob, Eleni und Spyros treten nach draußen. Die Schnitte sind hier so subtil und unmerklich gesetzt, dass allein diese Szene den Film zu einem Erlebnis macht.
Während dieser Verdopplungen werden wir auch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass wir einen Film sehen, der das Leben von A. zeigt, der wiederum das Leben seiner Eltern in einem Film zeigen will. Das beste Beispiel dafür ist die Szene, in der A. nach Hause kommt. In einer vorigen Szene wurde die Wohnung und das Zimmer seiner Tochter Eleni bereits als solche eingeführt. Nun tritt er jedoch durch seine Wohnungstür, die frei im Raum steht, Elenis Zimmer sind nur zwei Wände, im Hintergrund stehen Scheinwerfer und liegen Kabel – wir befinden uns in der Kulisse des Films, den wir eigentlich als Abbild der Realität erleben sollen, werden jedoch mit aller Deutlichkeit auf seine Gemachtheit hingewiesen.
An anderer Stelle besucht Jakob Eleni und Spyros in einem Hotel in Berlin, welches ihn an ein anderes Hotel in New York 1974 erinnert. Dort traf er sich mit Eleni, dort verließ sie ihn für Spyros. Während Eleni und Jakob zu Beginn der Szene noch über das Ereignis '74 reden, gleiten sie – vom Zuschauer unbemerkt – in einen Dialog ab, den sie bereits in New York gesprochen haben. Dies fällt erst auf, als Jakob Eleni bittet, nicht zu Spyros zu gehen, der sich zu diesem Zeitpunkt jedoch im selben Zimmer aufhält, Eleni schließlich jedoch das Zimmer verlässt. Und auch hier wieder: Verdopplung, sogar zweifach (oder gar noch mehr?). Eine gespielte Szene im Leben der Figuren, welches verfilmt wird, die sich bereits einmal so zugetragen hat in diesem Leben, welches aber selbst nur ein Film ist.
So ist The Dust Of Time bloß auf den ersten Blick ein Film über Liebe, den langen Weg zurück zu den eigenen Wurzeln oder Gesellschaftsstudie. Bei genauerer Betrachtung ist er aber eigentlich nur eins: ein Film. Ein Film über Filme.
