Man muss kaum extra erwähnen, dass sich ein Thema, das man unvorsichtigerweise mit dem Label »die neoliberalistische Ideologie und ihre Folgen« bezeichnen könnte, in keinem Film noch so ausschweifender Lägen explizieren kann. Entsprechend wäre jedes Argument zu L’ENCERCLEMENT, das auf seine zu geringe Auflösung, falsche oder fehlende Argumente hinweisen würde zum Scheitern verurteilt. Man kann und muss sich nur das ansehen, was der Film argumentiert und vor allem wie er das tut.
Der Film versucht einen recht geschickten Schachzug, indem er seine eigene Argumentationsweise dadurch etwas aus dem Blickfeld nimmt, dass er die Köpfe von anderen ins Bild setzt: in sehr einfachen klaren Einstellung ohne zu viel unnötiges Dekor lässt er die Protagonisten und Antagonisten von etwas sprechen, was er allerdings mit großer Deutlichkeit als neoliberale Ideologie bezeichnet und dadurch zu entlarven versucht. Schwer zu erkennen ist dabei, dass der Entberger selbst eine Larve trägt, die die Umrisse einer sehr klaren und, wie ich sagen würde, denunziatorischen Dramaturgie trägt. Der Film lässt zunächst ausgesprochen konservative bzw. rechte neoliberale Denker sprechen und erzählt im Zuge deren Erklärungen zu den grundlegenden neoliberalen Argumenten en passant die Geschichte des neoliberalen Denkens mit: vom Colloque Walter Lippmann zu Mont Pellerin Society über das Bretton-Woods-System zur Weltbank und zum Internationalen Währungsfonds. Diese Geschichte ist so spannend wie oft erzählt und trägt auch im Film leider zu stark den fahlen Teint des Altbekannten. Theoreme wie das der Externalitätskosten werden in den gröbsten Grundzügen erklärt und bekommen dadurch wie von selbst den Anstrich der weltwidrigen Groteske. Welcher Bürger von klarem Verstand würde schon der Privatisierung von Flüssen zustimmen können um das Problem deren industrieller Verschmutzung in den Griff zu bekommen? Völlig ausgeblendet und nicht erwähnt wird hier, dass diese und praktische alle anderen neoliberalen Denkfiguren nirgends in ihrer polemischen Reinform in aktuelle Politik eingegangen sind, sondern, um beim Beispiel zu bleiben, etwa in den staatlich oder privat gelenkten Handel mit Verschmutzungsrechten überführt worden sind. Der erste Teil des Films sorgt entsprechend auch für genügend Lacher im Publikum.
Der zweite »Critique« überschriebene Teil lässt nun nur noch jene Denkerinnen und Denker zu Wort kommen, die gegen die neoliberale Ideologie argumentieren. Allerdings mit einer entscheidenden Verschiebung. Es werden hier nicht mehr jene Thesen diskutiert, die im ersten Teil entwickelt wurden, sondern plötzlich geht es um aktuelle politische Entwicklungen, die auf die weltumgreifende Installation des neoliberalen Denkens in praktischer Politik zurückgeführt werden. Das ist nicht nur verlockend und überzeugend, sondern teilweise auch schockierend, etwa wenn man erfährt, was für undurchsichtige Regierungsstrukturen in der globalen Wirtschaftsadministration eingerichtet wurden. Man fragt sich vielleicht zu Weilen nur, wieso ausgerechnet die hier vor der Kamera versammelten Herrschaften in diesen dunklen Gefilden die Über-, Durch- und Klarsicht behalten haben. Ich würde allerdings nicht den Wahrheitsgehalt der vorgebrachten Argumente in Zweifel ziehen, sondern darauf hinweisen wollen, dass der Film hier keinen Austausch von Argumenten mehr betreibt, sondern eine ausgesprochen dunkle Gegenwart und damit auch Zukunft in dicken schillernden Farben ausmalt, die deswegen innerhalb der Argumentationsstruktur des Filmes unausweichlich erscheinen muss, weil es schlicht keine Alternative zu ihr gibt. Kein sogenannter neoliberaler Denker kann seine Sicht auf diese unerquicklichen Dinge vorbringen, keine Zwischentöne finden Raum, kein Zweifel kann sich formieren. Kurz: die Argumentation wird so schwarz/weiß wie die Bilder des Films. Gegen grotesk unrealistisch klingende neoliberale Hirngespinste wird die »wahre« Fratze des Neoliberalismus auf die Leinwand gepinselt.
Ein zentrales Argument des Films darin liegt zu zeigen, wie der Neoliberalismus versucht sich selbst zu naturalisieren und seine Thesen nicht als Vorschläge für die Einrichtung ökonomischer Verhältnisse präsentiert sondern sie als unausweichliche objektive Wahrheit verkauft. Dieses Vorgehen, das alle Gegenargumente verschlingt, sei das Hauptmerkmal ideologischer Argumentation. Sowenig das in Frage zu stellen ist, so sehr muss man hier doch dem Film auf die Finger schauen. Indem er nämlich die Thesen des Neoliberalismus als grotesken Schwachsinn darstellt und sie von ihren Kritikern als gefährliche Politik entlarven lässt, verunmöglicht der Film eine ausgewogene Diskussion der dargestellten Probleme, die im Anblick der geschilderten Probleme aber unausweichlich ist. Kaum jemand, der vor diesem Film sitzt kann sich der Evidenz der Darstellung entziehen und es fällt schwer den Film, der ja mit dem sehr starken Anspruch kritisch zu sein auftritt, selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen. Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass der Film in dieser Struktur selbst zur Ideologie wird. »A ist falsch, wähle B, denn das ist richtig!« Hier fliegt man nicht nur im hohen Bogen vom Regen in die Traufe sondern noch etwas ärger: das Kino wird hier nämlich zum Agenten ideologischer Argumentation genötigt und verliert damit seine eigentliche Qualität: nicht Ja oder Nein zu etwas sagen zu müssen, sondern selbst etwas zu erschaffen, was es so nirgendwo anders gibt. Wenn der Regisseur sich den Verzicht auf visuellen Schnickschnack als Verdienst zurechnet, liegt darin seine Fehleinschätzung: in den Bildern und Tönen des Kinos liegt sein Potenzial, seine Kraft, seine Begeisterungsfähigkeit. L’ENCERCLEMENT weiß davon nichts und benutzt das Kino, statt es selbst sprechen zu lassen. Filmemacher wie Harun Farocki oder Måns Månsson haben auf dieser Berlinale gezeigt, dass damit keineswegs ein Verzicht auf politische Stellungnahmen einhergehen muss sondern dass ganz im Gegenteil das Kino in der Lage ist etwas Politisches in den bloßen Bildern aufzufinden und freizulegen.
Wenn in der Diskussion nach dem Screening auf der Berlinale eine Reihe von Zuschauern aus allen Wolken gefallen sind und ihre Erleuchtung in Sachen neoliberaler Wirtschaftstheorie erlebt haben wollten, dann liegt das sicher nicht in den Qualitäten des Films sondern lediglich daran, dass man sich vorher offenbar noch nie damit beschäftigt hatte. Wenn, wie der Film sagt, Ideologien gefährlich sind, dann muss er sich vor allem merken, dass das auf nichts so sehr zutrifft, wie auf ihn selbst.
L’ENCERCLEMENT
Kanada 2008
R,B: Richard Brouillette
K: Michael Lamothe
16 mm, s/w, 160min
Der Film versucht einen recht geschickten Schachzug, indem er seine eigene Argumentationsweise dadurch etwas aus dem Blickfeld nimmt, dass er die Köpfe von anderen ins Bild setzt: in sehr einfachen klaren Einstellung ohne zu viel unnötiges Dekor lässt er die Protagonisten und Antagonisten von etwas sprechen, was er allerdings mit großer Deutlichkeit als neoliberale Ideologie bezeichnet und dadurch zu entlarven versucht. Schwer zu erkennen ist dabei, dass der Entberger selbst eine Larve trägt, die die Umrisse einer sehr klaren und, wie ich sagen würde, denunziatorischen Dramaturgie trägt. Der Film lässt zunächst ausgesprochen konservative bzw. rechte neoliberale Denker sprechen und erzählt im Zuge deren Erklärungen zu den grundlegenden neoliberalen Argumenten en passant die Geschichte des neoliberalen Denkens mit: vom Colloque Walter Lippmann zu Mont Pellerin Society über das Bretton-Woods-System zur Weltbank und zum Internationalen Währungsfonds. Diese Geschichte ist so spannend wie oft erzählt und trägt auch im Film leider zu stark den fahlen Teint des Altbekannten. Theoreme wie das der Externalitätskosten werden in den gröbsten Grundzügen erklärt und bekommen dadurch wie von selbst den Anstrich der weltwidrigen Groteske. Welcher Bürger von klarem Verstand würde schon der Privatisierung von Flüssen zustimmen können um das Problem deren industrieller Verschmutzung in den Griff zu bekommen? Völlig ausgeblendet und nicht erwähnt wird hier, dass diese und praktische alle anderen neoliberalen Denkfiguren nirgends in ihrer polemischen Reinform in aktuelle Politik eingegangen sind, sondern, um beim Beispiel zu bleiben, etwa in den staatlich oder privat gelenkten Handel mit Verschmutzungsrechten überführt worden sind. Der erste Teil des Films sorgt entsprechend auch für genügend Lacher im Publikum.
Der zweite »Critique« überschriebene Teil lässt nun nur noch jene Denkerinnen und Denker zu Wort kommen, die gegen die neoliberale Ideologie argumentieren. Allerdings mit einer entscheidenden Verschiebung. Es werden hier nicht mehr jene Thesen diskutiert, die im ersten Teil entwickelt wurden, sondern plötzlich geht es um aktuelle politische Entwicklungen, die auf die weltumgreifende Installation des neoliberalen Denkens in praktischer Politik zurückgeführt werden. Das ist nicht nur verlockend und überzeugend, sondern teilweise auch schockierend, etwa wenn man erfährt, was für undurchsichtige Regierungsstrukturen in der globalen Wirtschaftsadministration eingerichtet wurden. Man fragt sich vielleicht zu Weilen nur, wieso ausgerechnet die hier vor der Kamera versammelten Herrschaften in diesen dunklen Gefilden die Über-, Durch- und Klarsicht behalten haben. Ich würde allerdings nicht den Wahrheitsgehalt der vorgebrachten Argumente in Zweifel ziehen, sondern darauf hinweisen wollen, dass der Film hier keinen Austausch von Argumenten mehr betreibt, sondern eine ausgesprochen dunkle Gegenwart und damit auch Zukunft in dicken schillernden Farben ausmalt, die deswegen innerhalb der Argumentationsstruktur des Filmes unausweichlich erscheinen muss, weil es schlicht keine Alternative zu ihr gibt. Kein sogenannter neoliberaler Denker kann seine Sicht auf diese unerquicklichen Dinge vorbringen, keine Zwischentöne finden Raum, kein Zweifel kann sich formieren. Kurz: die Argumentation wird so schwarz/weiß wie die Bilder des Films. Gegen grotesk unrealistisch klingende neoliberale Hirngespinste wird die »wahre« Fratze des Neoliberalismus auf die Leinwand gepinselt.
Ein zentrales Argument des Films darin liegt zu zeigen, wie der Neoliberalismus versucht sich selbst zu naturalisieren und seine Thesen nicht als Vorschläge für die Einrichtung ökonomischer Verhältnisse präsentiert sondern sie als unausweichliche objektive Wahrheit verkauft. Dieses Vorgehen, das alle Gegenargumente verschlingt, sei das Hauptmerkmal ideologischer Argumentation. Sowenig das in Frage zu stellen ist, so sehr muss man hier doch dem Film auf die Finger schauen. Indem er nämlich die Thesen des Neoliberalismus als grotesken Schwachsinn darstellt und sie von ihren Kritikern als gefährliche Politik entlarven lässt, verunmöglicht der Film eine ausgewogene Diskussion der dargestellten Probleme, die im Anblick der geschilderten Probleme aber unausweichlich ist. Kaum jemand, der vor diesem Film sitzt kann sich der Evidenz der Darstellung entziehen und es fällt schwer den Film, der ja mit dem sehr starken Anspruch kritisch zu sein auftritt, selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen. Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass der Film in dieser Struktur selbst zur Ideologie wird. »A ist falsch, wähle B, denn das ist richtig!« Hier fliegt man nicht nur im hohen Bogen vom Regen in die Traufe sondern noch etwas ärger: das Kino wird hier nämlich zum Agenten ideologischer Argumentation genötigt und verliert damit seine eigentliche Qualität: nicht Ja oder Nein zu etwas sagen zu müssen, sondern selbst etwas zu erschaffen, was es so nirgendwo anders gibt. Wenn der Regisseur sich den Verzicht auf visuellen Schnickschnack als Verdienst zurechnet, liegt darin seine Fehleinschätzung: in den Bildern und Tönen des Kinos liegt sein Potenzial, seine Kraft, seine Begeisterungsfähigkeit. L’ENCERCLEMENT weiß davon nichts und benutzt das Kino, statt es selbst sprechen zu lassen. Filmemacher wie Harun Farocki oder Måns Månsson haben auf dieser Berlinale gezeigt, dass damit keineswegs ein Verzicht auf politische Stellungnahmen einhergehen muss sondern dass ganz im Gegenteil das Kino in der Lage ist etwas Politisches in den bloßen Bildern aufzufinden und freizulegen.
Wenn in der Diskussion nach dem Screening auf der Berlinale eine Reihe von Zuschauern aus allen Wolken gefallen sind und ihre Erleuchtung in Sachen neoliberaler Wirtschaftstheorie erlebt haben wollten, dann liegt das sicher nicht in den Qualitäten des Films sondern lediglich daran, dass man sich vorher offenbar noch nie damit beschäftigt hatte. Wenn, wie der Film sagt, Ideologien gefährlich sind, dann muss er sich vor allem merken, dass das auf nichts so sehr zutrifft, wie auf ihn selbst.
L’ENCERCLEMENT
Kanada 2008
R,B: Richard Brouillette
K: Michael Lamothe
16 mm, s/w, 160min
